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Allah und ich – eine que(e)re Beziehung

Tina ist lesbisch. Sie führte eine Beziehung mit einer Muslima. Die Erfahrungen, die sie dabei machte, schildert sie uns hier in Busenfreundin – das Magazin.

In Deutschland gibt es über viereinhalb Millionen Menschen, die dem muslimischen Glauben angehören. Unter all diesen Menschen, die diesen Glauben teilen, leben Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben. Wie viele es genau sind, ist ungewiss, denn sie dürfen es nicht.

Bevor ich mit Gül zusammenkam, kannte ich mich mit dem muslimischen Glauben nicht aus. Ich wusste, dass Allah der Gott war, den es anzubeten galt und das bitte nur in Richtung Mekka. Ich wusste, dass das Fleisch halal sein musste, was zum Beispiel bedeutete, kein Schweinefleisch zu essen, und alles zu vermeiden war, was haram war, wie zum Beispiel Alkohol oder Sex vor der Ehe. Ich wusste, dass es Frauen gab, die ein Kopftuch trugen und Frauen, die es nicht taten. Die Bedeutung all dieser Dinge wurde mir erst vollends bewusst, als ich Gül kennenlernte.

Einige Jahre zuvor hatte ich bereits auf einem Ausflug während meiner Ausbildung die Erfahrung gemacht, dass es wirklich, wirklich ungünstig war, wenn man als lesbische Frau die Haare einer Muslimin sah. Mir ist bis heute das entsetzte Gesicht meiner Mitschülerin deutlich in Erinnerung geblieben, als sie erfuhr, dass ich auf Frauen stehe – wohlgemerkt, als sie sich gerade die Haare machte. Das hatte mich verwirrt, denn warum sollten mich nun gerade Haare so interessieren? Mit Gül fanden viele dieser Fragen endlich Antworten. 

Die Familie einer lesbischen Muslima kennt man nur von Fotos

Gül war keine strenge Muslimin. Sie verzichtete auf ein Kopftuch und rauchte. Dementsprechend war meine Überraschung groß, als ich von ihrer Religionszugehörigkeit erfuhr. Da ich sie sehr anziehend fand, war das erste, was ich tat, zu recherchieren. Die neuen Informationen halfen mir, sie besser zu verstehen und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass die Regeln des Korans friedlicher waren, als die christlicher Religionen. Mit fortschreitender Annährung merkte ich allerdings auch, dass die Beziehung nicht einfach war. Neben Kleinigkeiten, wie dem Zähne putzen, wann immer ich Schweinefleisch in irgendeiner Form gegessen hatte, ergaben sich auch größere Schwierigkeiten, wie das kontinuierliche Verstecken unserer Beziehung: In der Öffentlichkeit waren wir nur gute Freundinnen. Homosexuelle Beziehungen wurden nicht akzeptiert, weshalb ich auch ihre Familie nur durch Erzählungen ihrerseits kennenlernte. Fotos, einige Anekdoten – mehr kannte ich nicht. Sie hingegen konnte natürlich mit zu meiner Familie kommen. Dass es mir nie möglich sein würde, die ihre kennenzulernen, machte mich traurig. Sie bot an, mich als eine Freundin zu ihrer Familie mitzunehmen. Das lehnte ich allerdings ab. Die Angst, entdeckt zu werden, war groß, denn eine lesbische Beziehung war für eine Muslima gefährlich. Ich hatte bereits aus den Medien von Ehrenmorden gehört – dass ich selber mit diesem Thema konfrontiert werden würde, war mir damals jedoch nicht in den Sinn gekommen.

„Vater und Mutter sterben, wenn sie  erfahren, dass du eine Lesbe bist!“

Es kam, wie es kommen musste: Trotz der Bemühungen, nichts nach außen dringen zu lassen, geriet Gül in die Situation, ihr Geheimnis lüften zu müssen. Normal studierte sie in einer anderen Stadt, war aber an diesem Wochenende zu Hause zu Besuch. Dort traf sie ihren Bruder an, ihre Eltern und restlichen Geschwister waren nicht daheim. Sie schauten fern und er kommentierte einige Filmszenen auf eine äußerst homophobe Art, woraufhin sie wütend wurde und mit ihm diskutierte. Er war irritiert über diesen Einsatz für diese „kranke“ Community. Die Situation eskalierte, sie warf ihm an den Kopf, er solle so nicht reden, sie sei lesbisch, habe eine Freundin und sie sei glücklich. Er wurde sehr wütend. „Sag das nicht Vater oder Mutter! Sie würden daran sterben!“ 

Sie erzählte mir später davon und ich machte mir große Sorgen über die möglichen Folgen. Mit was mussten wir nun rechnen? Es tat mir nicht nur unglaublich leid, sie so aufgelöst und wütend zu sehen, sondern warf in mir auch die Frage auf, ob sie nun noch sicher war. Oder ich. Denn konnte es nicht sein, dass die Wut über diese Eröffnung auch mich in Gefahr brachte, weil ich Gül „verdorben“ hatte? Die Situation war belastend.

Ich erfuhr nicht, was weiterhin passierte, denn wir trennten uns einige Zeit später. Ob sie sich mittlerweile geoutet hat, weiß ich nicht, glaube aber, dass das nicht der Fall ist. Zuviel steht auf dem Spiel. Und wenn diese Sorge schon bei „lockeren“ Muslimen der Fall ist, wie muss es erst für streng gläubige Muslime sein, wenn die Tochter oder Schwester lesbisch ist? Die ständige Sorge um das eigene Leben und/oder das der Partnerin bzw. des Partners ist aufreibend. Es raubt einem den Schlaf. Man fragt sich dauernd „Hat jemand etwas gesehen? Habe ich sie zu lange angesehen? Merkt man, dass da mehr ist?“

Für diese Homophobie wird es wahrscheinlich erst dann eine Lösung geben, wenn die religiösen Vorstellungen genrell gelockert werden. Das braucht Zeit. Viel Zeit. Diejenigen, die trotz Lebensgefahr für sich einstehen, sind unglaublich mutig. Ich bewundere das – denn wir waren es nicht. Zu groß war die Angst, ihr könnte etwas passieren. Und das nur, weil sie nicht Männer, sondern Frauen liebt.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag spiegelt nicht die politischen und ethischen Referenzen des Redaktionsteams, sondern stellt die persönliche Geschichte einer Busenfreundin dar.


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Autorin: Debbie

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