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„Nichts ist schwieriger als man selbst zu sein!” – Bill Kaulitz von Tokio Hotel im Interview

Autorin: Ricarda Hofmann

Mit seiner Band Tokio Hotel legte Bill Kaulitz eine beispiellose Karriere hin: 2005 machte der Song „Durch den Monsun” die vier Jungs aus Magdeburg über Nacht weltberühmt. 15 Jahre später melden sie sich mit neuer Musik zurück. Frisch veröffentlicht: „Behind Blue Eyes”. Wie der Dreh zum dazughörigen Musikvideo lief, wer seine Vorbilder waren und was ihm bei Konzerten in Russland passiert ist, verrät Frontmann Bill exklusiv im Gespräch mit Ricarda – ein Podcast zum Lesen, nur in „Busenfreundin – das Magazin”!

Bill Kaulitz wurde als Leadsänger von Tokio Hotel bekannt. Er wuchs gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Tom in der ostdeutschen Provinz auf und lebt heute in Los Angeles. Neben seiner internationalen Musikkarriere arbeitet der 31-jährige als Model, Synchronsprecher und TV-Juror.

Ricarda: Bill, voll schön, dass es geklappt hat!

Bill: Gerne, ich freue mich!

Ricarda: Ich habe lange überlegt, mit welcher Frage ich anfangen könnte – ohne dass sie dir schon 1,3 Millionen Mal von Journalist:innen gestellt wurde. Deswegen als Warm-up: An welches der Hotels in Tokio, in denen ihr abgestiegen seid, kannst du dich noch erinnern?

Bill: (lacht) Das ist das gleiche Hotel wie in dem Film „Lost in Translation“. Kann sein, dass es ein Hyatt ist. Und das ist echt ein cooles Hotel, mit einer Rooftop-Bar, von der man die ganze Stadt überblicken kann.

Ricarda: Ok, ich hätte nicht gedacht, dass du dich noch daran erinnerst! Ihr habt ja für euren neuen Song „Behind Blue Eyes“ das Musikvideo live während des „Germanys Next Topmodel“-Finales gedreht. Da wäre mir aber die Muffe gegangen …

Bill: Ja, allerdings. Wir haben es aber gut vorbereitet und gut geprobt. Ich bin sowieso immer top vorbereitet – da bin ich so gar nicht Rockstar-like. Ich selber habe mich deshalb gut dabei gefühlt. Aber ich habe mir etwas Sorgen um die Models gemacht, weil das für sie alles so neu war. Da ist man noch richtig aufgeregt und vergisst vielleicht die ein oder andere Choreographie …

Ricarda: Horror.

Bill: (lacht) Und es wurde tatsächlich ein kleines Chaos, weil zwei Mädels vergaßen, wo sie wann sein mussten. Ich habe das aber gar nicht mitbekommen, weil ich mich auf meine Performance konzentriert habe. Aber sowas ist total normal.

Ricarda: Aber du wirkst auf mich schon echt perfektionistisch. Ich habe die Tokio-Hotel-Doku gesehen und dachte mir immer: Wow, der zieht durch! Aber ich schätze, dass man in der Musikbranche auch nur bestehen kann, wenn man detailverliebt ist und immer gut performen möchte. Stehst du dir damit manchmal auch selbst im Weg?

Bill: Ja, ich denke manchmal: „Bill, Spaß haben nicht vergessen und sei mal nicht so verbissen!“. Aber andererseits braucht man, wie du sagtest, diesen Drive auch. Vor allem in der heutigen Zeit ist es echt schwer ohne Biss Erfolg zu haben – gerade wenn du anfängst oder dabei bleiben willst. Heutzutage kann man nicht mehr so easy die Nacht durchfeiern und am nächsten Tag versagen – alles wird aufgezeichnet und ist für alle sichtbar.

Ricarda: Ich kann deine Einstellung total nachvollziehen. Manchmal sieht man auf seinem Weg keine Erfolge mehr, weil man so sehr das Ziel im Blick hat. Ist das bei dir auch so?

Bill: Total! Ich habe das auch genauso. Man freut sich zu wenig über Erfolge, weil man gedanklich schon beim nächsten Projekt ist, das man auch gut machen möchte. Damit versaut man sich die echt schönen Momente. Ich habe mir vorgenommen, darauf künftig mehr zu achten.

„Nichts ist schwieriger als man selbst zu sein. Traut euch!”

Bill Kaulitz in seinem Buch „Career Suicide”

Ricarda: Im Video zu „Behind Blue Eyes“ geht es darum, „die eigenen Dämonen zu bekämpfen, Versuchungen zu widerstehen und man selbst zu sein“. Man selbst zu sein hört sich total easy an. Ich, als Host eines LGBTIQ+-Podcasts, bekomme aber super oft Nachrichten von Menschen, denen das „man selbst sein“ nicht möglich ist. Aufgrund eines homonegativen Umfeldes oder ähnlichem. Was würdest du Menschen raten, die ihre Identität nicht leben können?

Bill: Genauso fange ich mein Buch an: „Nichts ist schwieriger als man selbst zu sein. Traut euch!“. Ich musste mir das auch immer vornehmen, jeden Tag. Es ist nicht so, dass ich immer ich selbst bin. Es gibt so viele Momente in meinem Leben, in denen ich mich anpassen muss.

Zu sich zu stehen ist ein Prozess und wir alle müssen daran tagtäglich feilen. Auch die selbstbewusstesten Menschen haben ihre Themen. Ich bin zum Beispiel in privaten, intimen Momenten oft überfordert. Mich kannst du vor eine Million Menschen stellen und dann mache ich da mein Ding, aber bei einem Dinner sieht das total anders aus. Mein Tipp ist, immer daran zu arbeiten und sich bewusst zu machen, dass es ein Prozess ist zu sich zu stehen.

Ricarda: Du hast es schon angesprochen. Es gibt vermutlich keine Branche die oberflächlicher ist als die Unterhaltungs- , Musik- oder Modebranche. Musst du dich selbst schützen, um nicht Teil dieser Oberflächlichkeit zu werden?

Bill: Man muss eine extrem große Leidenschaft haben für das, was man da macht, um in dieser Branche zu überleben. Es ist nicht einfach in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich sehe das aktuell an vielen YouTuber:innen, die Depressionen kriegen und leiden. Wenn man nicht aus diesem Holz geschnitzt ist, dann kann man es nicht machen. Ohne dickes Fell geht’s nicht.

Ricarda: Stimmt. Und das Umfeld ist da auch extrem wichtig.

Bill: Absolut. Ich habe meinen Bruder, der mich total unterstützt. Ich habe immer Familie bei mir. Tom steht mir so nahe wie niemand sonst, wir sind da eine Einheit. Und auch alle anderen stehen mir total nah. Uns verbindet die Band und das Business, aber ich kann mich immer auf alle verlassen. Was die wenigsten wissen, ist, dass ich vieles nicht machen könnte, wenn ich Georg nicht hätte. Georg ist mein geheimer Manager, der sich um so viel Organisatorisches kümmert.

Ricarda: Weil du krass kreativ bist. Ich kenne das. Ich kann zum Beispiel mit Excel-Tabellen nicht umgehen …

Bill: Boah, ja! Ich hasse das! (lacht)

Ricarda: Steuererklärungen!

Bill: Schlimm! Das Gute: Georg ist zum Beispiel eine wandelnde Excel-Tabelle, der hat sowas alles drauf. Auch wenn ich mal einen Rat brauche – auf den ist immer Verlass. Deswegen gibt es Tokio Hotel auch schon so lange: Weil wir uns alle total gut ergänzen.

„Wenn ich für jemanden ein Vorbild sein kann, ist das das beste Kompliment, das ich kriegen kann!”

Bill Kaulitz im Interview

Ricarda: Zum Thema Vorbild: Innerhalb der LGBTIQ+-Community sind Vorbilder essentiell um sich mit starken Persönlichkeiten zu identifizieren und darüber vielleicht sogar die Angst vor einem Coming-out zu verlieren. Du bist für viele Menschen ein Vorbild. Wie hoch ist der Druck, wenn man immer wieder das Siegel „Vorbild“ aufgedrückt bekommt?

Bill: Ja, gerade die ersten Jahre der Karriere war ich oft überfordert. Da war ich ja auch noch super jung. Ich musste mich aufgrund meines Kleidungsstils sehr oft rechtfertigen und wusste oftmals keine gute Antwort darauf. Ich wollte Sachen tragen, weil ich sie cool fand und nicht um ein politisches Statement zu setzen. Heute ist das ganz anders, denn ich habe einen anderen Zugang dazu – und bin viel gelassener.

Außerdem ist es für mich ein großes Kompliment, wenn ich als Vorbild bezeichnet werde. Ich hatte diese Vorbilder auch, zum Beispiel David Bowie oder Nena. Und wenn ich für jemanden das sein kann, was Nena damals für mich war – dann ist das das beste Kompliment, das ich kriegen kann! Heute empfinde ich das als wichtig und schön.

Ricarda: Same! Ich hatte als Kind auch meine Vorbilder, zum Beispiel Blümchen!

Bill: Gott, ja! Blümchen fand ich auch mega! Von ihr hatte ich auch eine CD!

Ricarda: Ich kriege hin und wieder Nachrichten von Menschen, die meinen Podcast hören, dass sie sich sehr einsam und hilflos fühlen. Vielleicht weil es im LGBTIQ+-Bereich noch nicht genug Vorbilder gibt?

Bill: Total! Wir haben in Russland 19 Konzerte gespielt und es war krass zu sehen, dass schwule Männer händchenhaltend zu unseren Konzerten kamen. Einfach weil sie wussten, dass ein Tokio-Hotel-Konzert ein Safe Space ist. Teilweise kamen die Jungs in High Heels und lesbische Pärchen knutschten zu unseren Balladen. Das macht einen so stolz, wenn man das von der Bühne aus sieht.

Ricarda: Das ist so schön, Menschen darin zu bestärken, andere Menschen lieben zu dürfen. So simpel, wie es klingt, ist es aber leider gar nicht.

Bill: Voll, sehe ich auch so!

Ricarda: Wann geht ihr auf Tour?

Bill: Im April/Mai 2022 werden wir mit Tokio Hotel wieder auf Tour gehen. Bis dahin sind wir noch im Tonstudio und machen ein paar Features. Also da kommt noch einiges!

Ricarda: Bill, danke, dass wir mal sprechen konnten. Sag mal – ist es eigentlich weird, wenn ich sage, dass ich mich bei Friseurbesuchen immer total auf Paparazzi-Bilder von euch in Klatschzeitschriften freue?

Bill: (lacht)

Ricarda: Ich fühle mich auch ein bisschen schlecht dabei, wenn ich das sehe. Diese Paparazzi beschneiden euch ja in eurer Freiheit …

Bill: Ach, ich glaube das haben wir alle. Ich erwische mich auch manchmal dabei, dass ich Paparazzi-Fotos von Menschen gerne angucke. Ich habe diesen Gossip-Gedanken auch.

Ricarda: Bill, es war mir ein Fest! Alles Gute und bis ganz bald!


Ist Bill auch für euch ein Vorbild? Habt ihr euch „Behind Blue Eyes” schon angehört? Verratet es uns in den Kommentaren!


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1 comment

  1. Mir war Bill immer schon sympathisch. Schade, dass man in jetzt oft nur noch mit Heidi/Tom in Zusammenhang bringt. Er ist eine eigene Persönlichkeit und auch charakterlich schon immer sehr unterschiedlich zu seinem Bruder.

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