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Du bist mein Kryptonit: Schwäche oder nicht?

Fast jede:r hat einen Kryptonit-Menschen in seinem Leben. Diese eine Person, an die man immer mal wieder denken muss. Sie ist ist unsere Achilles-Ferse und allein ihr Name kann Wehmut oder ein Stechen im Herzen auslösen – weil die Erinnerungen an sie schön, schrecklich oder von beidem etwas sind. Wie sie zu ihrem Kryptonit gekommen ist und warum man sich für diese Schwäche nicht schämen sollte? Das erzählt uns Gast-Autorin Lea in „Busenfreundin – das Magazin”!

Ein Gastbeitrag von Lea Sperlich

Social-Media-Star El Hotzo, bekannt für bissige Wortspiele, postete kürzlich einen Instagram-Beitrag, in dem es hieß „’Für Bastler‘, aber als Tinderbio“. Nur wenige Scrolls darunter zitierte das Neon Magazin Michael Nast, Autor des Buches Generation Beziehungsunfähig, folgendermaßen: „Jede Trennung, egal wie lange eine Beziehung dauerte, bedeutet eine Verletzung bei uns. Manchmal sind es kleine, manchmal große, manchmal ganz krasse Verletzungen. (…) Das klingt brutal, aber auf dem Single-Markt gibt es fast nur beschädigte Ware“. 

Wieso mir – Single, Anfang 30 – das angezeigt wird, ist mir natürlich ein absolutes Rätsel: Ich habe schließlich keinerlei Vorgeschichten, bin psychisch kein bisschen angekratzt und wurde noch nie verlassen. Ok, bleiben wir bei der Wahrheit. Eigentlich habe ich mich von beiden Posts verstanden gefühlt und den Insta-Algorithmus gefeiert, weil er mich inzwischen so gut kennt.

Lesbische Single-Börse

Lange Zeit habe ich geglaubt, der Singlemarkt wäre für lesbische Frauen schwieriger als für Heteras. Immerhin hat man hat weniger Auswahl und Köln ist gefühlt ein Dorf, in dem jede:r jede:n kennt. Aber zumindest ist es gesellschaftlich akzeptiert, sowohl jüngere als auch ältere Frauen zu daten – dadurch gleicht sich die Ungleichverteilung halbwegs aus. Ich weiß, statistisch nicht ganz haltbar, aber der Punkt ist: Es gab Zeiten, in denen ich den Datingmarkt noch optimistisch betrachtet habe. 

Mit Anfang 20 war das Leben aufregend und Lesarion stellte eine vollkommen neue Welt dar, die es zu entdecken galt. Außerdem war ich schwer verliebt in eine Kommilitonin, frisch geoutet und gerade erst nach Köln gezogen. Nach dem Leben in einer Kleinstadt war das Angebot hier geradezu überwältigend. Was macht man also als gute Lesbe? Von einer Beziehung in die nächste rutschen und zuhause auf der Couch die Katze streicheln (no pun intended). Die Trennungen liefen meistens im Raymond-Holt-Style ab: Man hatte sich auseinandergelebt, wünschte sich alles Gute, blieb manchmal befreundet. Kein Drama. 

Bis sie kam. Die eine Frau, der ich meinen „Für Bastler“-Status verdanke.

Luft, Liebe & Scherbenhaufen

Wir verliebten uns Hals über Kopf. Es war eine heimliche Liebe – die äußeren Umstände haben uns dazu gezwungen. Es war aufregend, ein Abenteuer. Mir wurde schnell bewusst, dass es mehr als nur eine Affäre war. Im Gegenteil: Es war ein Gefühls-Tsunami, der da auf mich zurollte. Ich habe einen Kopfsprung ins kalte Wasser gewagt und Emotionen zugelassen, wo ich hätte vorsichtiger sein sollen. Es zog mich tiefer und tiefer in einen Strudel aus Glückmomenten, die mich so erfüllt haben, dass ich dachte, ich bräuchte zum Atmen nichts außer Liebe.

Doch nicht umsonst heißt es, man könne von Luft und Liebe leben, aber eben nicht von Liebe allein. Und so wurde die Luft zum Atmen dünner, je intensiver unser Zusammensein wurde. Scherbenhaufen aus der Vergangenheit führten zu Verletzungen in der Gegenwart und machten eine gemeinsame Zukunft unmöglich. Eine Tatsache, die ich zu spät erkannte.

Und so musste ich zusehen, wie sie ihre Segel setzte und langsam am Horizont verschwand, während ich auf meiner Insel der Einsamkeit zurückblieb, gefangen in einem Meer aus Tränen. Ich fühlte mich wie Chuck Noland ohne Wilson. Und während ich Billie Eilish dabei zuhörte, wie sie sich wünschte, ihre unerreichbare Liebe wäre gay, wünschte ich mir, meine wäre so straight wie ein Stück Holz. Aber wie – um bei den Billies zu bleiben – Billy Joel bereits treffend bemerkte: „Dream on, but don’t imagine they’ll all come true“.

Haben wir nicht alle einen Kryptonit?

Ich fügte mich meinem Schicksal und paddelte von meiner einsamen Insel wieder ans – immer noch andere – Ufer. Dort merkte ich schnell, dass ich nicht die Einzige war, die schon mal gestrandet ist. Je öfter ich darüber sprach, desto offensichtlicher wurde, dass fast jede:r diese eine Person hat, die es zu vergessen schwer fällt. Freund:innen, Eltern, Geschwister – sie alle hatten einen Kryptonit in ihrem Leben und trotzdem weitergemacht. Das bestärkte mich. Und da ich nicht als verrückte Katzenlady enden wollte, habe ich mich wieder ins offene Gewässer gewagt. Zwar auf die Gefahr hin, ein weiteres Mal zu kentern, aber ein echter Pirat sticht nun mal in See.

Natürlich haben mich meine Erfahrungen geprägt. Die offene Kommunikation mit meinen Mitmenschen hat mir aber gezeigt, dass ich damit nicht alleine bin. Ich verstecke meine Narben nicht mehr, sondern zeige sie ganz offen. Denn wie eine Volksweisheit besagt: „Willst du sie haben, dann brauchst du Narben“ (Alligatoah).

Ich weiß jetzt, dass die Frau, die zu meinem Kryptonit werden sollte, gar nicht so einzigartig war, wie ich dachte. Denn fast jede:r hat eine:n wie sie. Und so weiß ich spätestens nach dem ersten weinreichen Abend (Doppeldeutigkeit for the win!) vom Kryptonit meines Dates und sie weiß von meinem. Und das ist gut so. 

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Das Wissen darum, dass jede:r einen solchen Menschen hat, macht es erträglicher. Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder wie war das? Wir müssen nicht immer stark und mutig sein. Wir müssen nicht immer so tun, als hätten wir keine Verletzungen erlitten. Oder unsere Wunden verstecken und denken, dass wir damit alleine klarkommen müssen. Und vor allem müssen wir uns nicht dafür schämen, dass wir „beschädigte Ware“ sind. 

Ich gehe absichtlich in Buchläden, die Mängelexemplare verkaufen – weil ich finde, dass diese Bücher eine ganz eigene Persönlichkeit besitzen. Ich kaufe krumme Karotten – weil sie aussehen, als hätten sie ein spannendes Leben gehabt. Ich repariere mein Fahrrad, obwohl es sich finanziell eigentlich nicht mehr lohnt – weil jede Macke eine eigene Geschichte hat. Völlig zusammenhangslos möchte ich an dieser Stelle übrigens erwähnen, dass es Menschen gibt, die mich lieben, obwohl ich furchtbar schlecht in Metaphern bin.

Es ist okay, Schwächen zu haben. Und wenn man mal seine Superkraft verliert, ist hoffentlich ein:e andere:r Superheld:in da, um einen aufzufangen.


Habt ihr einen Kryptonit in eurem Leben? Wie geht ihr damit um? Würdet ihr diese Person missen wollen? Erzählt es uns in den Kommentaren!


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3 comments

  1. Oh ja, fast jeder hat diesen einen Menschen.
    Mein Kryptonit Mensch ist jemand von damals. Wir haben seit über 10 Jahren kein Kontakt und dennoch denke ich fast jede Woche an sie. Aber das ist okay. Jeder lebt sein Leben und ist, hoffentlich sie auch, glücklich. Wir waren nie zusammen, es war eine Affäre über fast zwei Jahre hinweg mit Pausen zwischendrin, wenn jemand von uns eine Beziehung hatte, und wir wussten beide immer, dass wir beide Gefühle haben…aber es hatte von der Entfernung her nie gepasst oder eine von uns war in einer Beziehung.

    Klar wünsche ich mir manchmal, dass wir Kontakt hätten oder mehr von dem Leben wüssten, aber es ist okay. Ich bin glücklich verheiratet inzwischen und meine Frau und ich erwarten ein Baby Ende des Jahres.

    Trotz allem ist dieser Mensch manchmal in meinen Gedanken und das ist okay. Weil es ist keine Gefühlsebene mehr auf diese Art und Weise. Aber ein zurück denken an verrückte, verletzte und glückliche Zeiten mit dieser Person.

    Verrückt, was ein einziger Mensch “anrichten” kann.

  2. Ganz ganz toller Beitrag. Danke das du diese Geschichte mit uns geteilt hast.
    Meine Freundin hat sich gerade frisch von mir getrennt und ich fühle mich nach wie vor in diesem Strudel den du so schön beschrieben hast. Es war nur eine kurze Beziehung aber dafür umso intensiver…vor allem für mich. Ich liebe sie nach wie vor und kann noch nicht abschließen. Aber ich versuche nach vorne zu schauen und ganz sicher finde ich die eine Frau die einfach zu mir passt.
    Dein Beitrag hat mir nochmal zusätzlich Kraft gegeben. Danke dafür.

  3. Ich kann mich nur anschließen. Jeder hat diesen Menschen. Meiner ist die Verfasserin dieses Beitrags. Lange Zeit war ich zerrissen von meinen Gefühlen, wusste nicht wohin mit mir. Inzwischen bin ich wieder glücklich. Dennoch zeigt mir dieser Beitrag einmal mehr, wieso du es geschafft hast, dieser Mensch zu werden, warum mir jedes Bild von dir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert und dieses zugleich zerreißt…

    Was soll ich sagen, nicht umsonst ist es die bekannte Schwachstelle von Superman – also ist es okay auch durch Kryptonit in Form eines Menschen verletzlich zu sein.

    Auch Wunden können heilen… vllt begegnen wir uns eines Tages wieder mit einem beidseitigem Lächeln im Gesicht und können das Leben des anderen wieder bereichern.

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