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Ok, krass!

Gewalt gegenüber homosexuellen Frauen: „Oft geben sie sich selbst die Schuld”

Autorin: Patricia Bauer

Um die Öffentlichkeit für homophobe Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren und Betroffenen zu helfen, wurde der Berliner Verein L-Support e. V. gegründet. Projektleiterin Sabine Beck weiß: Die Gewalt wird oft bagatellisiert. „Busenfreundin – das Magazin” hat mit ihr gesprochen.

Busenfreundin-Magazin: Wie ist die Idee zum L-Support für den Berliner Raum entstanden? 

Sabine Beck: Der Verein L-Support e.V. wurde 2015 von Frauen gegründet, die beruflich oder privat die Erfahrung gemacht haben, dass es kaum Bewusstsein für homophobe Gewalt gegen Frauen gibt und dass die Unterstützungsstrukturen in Berlin nicht ausreichen.

Busenfreundin-Magazin: Was ist das Ziel von L-Support?

Sabine Beck: L-Support möchte homophobe Gewalt gegen Frauen sichtbar machen und Betroffene unterstützen. Homophobe Gewalt darf medial und gesellschaftlich nicht nur als Gewalt gegen Schwule wahrgenommen werden: Wir müssen auch über homophobe Gewalt gegen lesbische, bisexuelle und queere Frauen sprechen.
Im Rahmen unseres Beratungsangebots unterstützen wir Frauen dabei, über ihre Erlebnisse zu sprechen und damit umzugehen. Fallmeldungen helfen uns, Erkenntnisse und Zahlen zu homophober Gewalt an Frauen zu gewinnen, die wir in unsere Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit einbringen können.  

Busenfreundin-Magazin: Welche Beratungsangebote bietet L-Support?

Sabine Beck:Wir beraten lesbische, bisexuelle und queere Frauen – nicht binäre und trans* Menschen sind ebenfalls willkommen. Möglich ist eine telefonische oder terminlich vereinbarte persönliche Beratung. Diese soll Betroffene bei der emotionalen Bewältigung eines Erlebnisses unterstützen und ihr Selbstbewusstsein stärken.

Auch beraten wir zum weiteren Vorgehen nach einem Übergriff, also zum Beispiel zu Themen wie Gedächtnisprotokoll, Gewaltschutzambulanz, Anzeigenerstattung, Anspruch auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz etc. Daneben vermitteln wir an sensibilisierte Ärzt_innen, Psycholog_innen und Anwält_innen.

Busenfreundin-Magazin: Wie sieht die Öffentlichkeitsarbeit aus?

Sabine Beck: Neben der Beratungsarbeit machen wir Öffentlichkeitsarbeit, um die lesbiqueere Frauencommunity für homophobe Gewalt zu sensibilisieren. Wir suchen die Orte auf, an denen sich die Frauen aufhalten, zum Beispiel auf Parties. Dort bauen wir einen Info-Tisch auf und versuchen, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Außerdem versuchen wir, möglichst viel online oder in Printmedien präsent zu sein. Viele Frauen berichten, dass sie schon Übergriffe erlebt haben, geben sich aber selbst die Schuld oder meinen, dass das ja „irgendwie normal“ sei oder eben „dazugehöre“. Dem möchten wir entgegenwirken, indem wir Frauen sagen, dass sie das nicht tatenlos ertragen müssen. Wir möchten sie ermutigen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. 

Wir nehmen auch Fallmeldungen entgegen: Frauen können homophobe Übergriffe bei uns melden, auch wenn sie keinen Beratungsbedarf haben. Die Fallmeldungen werten wir anonymisiert aus und bereiten sie statistisch auf. Fallmeldungen sind wichtig, um Erkenntnisse über homophobe Gewalt gegen Frauen zu gewinnen. Was passiert da eigentlich wo? Es gibt dazu keine aktuellen Zahlen und nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir brauchen die Meldungen, um lesbenfeindliche Gewalt sichtbar zu machen.

Busenfreundin-Magazin: Ab wann spricht man von einem „homophoben Übergriff“?

Sabine Beck: Uns ist es wichtig, keine feste Definition von homophoben Übergriffen oder Gewalt vorzugeben. Frauen können sich mit allen Ereignissen an uns wenden, die sie als homophoben Übergriff empfinden. Das können ein Spruch oder eine Beleidigung sein, eine Geste oder ein körperlicher Übergriff. Also negative Reaktionen, die geschehen können, wenn jemand als lesbisch/bi/queer wahrgenommen wird. 

Wir wollen Frauen ermutigen, auch „kleinere“ Ereignisse ernst zu nehmen und zu melden, da auch diese Spuren hinterlassen und dazu führen, dass Betroffene sich wütend, traurig oder hilflos fühlen. 

Busenfreundin-Magazin: Wieso wird Gewalt in homosexuellen Beziehungen oft bagatellisiert?

Sabine Beck: Die Gesellschaft sieht häusliche Gewalt oft als Folge eines Machtgefälles zwischen Mann und Frau. Dem Opfer wird häufig das Gefühl gegeben, schuld an der Gewalt zu sein. Dass eine Frau zur Täterin werden kann, glauben viele Menschen nicht. Dementsprechend ist es für Frauen, die in ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung Gewalt erleben, noch schwieriger, darüber zu sprechen. Auch Scham spielt eine große Rolle. 

Homosexuelle Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, stehen also vor zwei großen Hürden: Über die erlebte Gewalt zu sprechen und sich als lesbisch, bisexuell oder queer outen zu müssen. Beratungsstellen müssen sich deshalb auch mit queeren Lebensweisen auseinandersetzen. Ebenso muss in der Community mehr über häusliche Gewalt gesprochen werden – genau wie über Gewalt im Allgemeinen. 

Busenfreundin-Magazin: Statistisch gesehen: wie sehen die Übergriffe auf Homosexuelle heute aus und gibt es eine Entwicklung?

Sabine Beck: Die Meldungen und Fälle homophober Gewalt gegen Frauen sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen: 

Quelle: L-Support/Stand 2019

Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld sehr groß ist. Den Anstieg der Meldungen erklären wir uns damit, dass L-Support bekannter geworden ist. Zeitgleich gibt es aktuell auch andere wichtige Initiativen in Berlin, die stark an dem Thema lesbische Sichtbarkeit arbeiten. Wir hoffen, dass das allmählich Früchte trägt und sich das Bewusstsein in diesem Punkt weiterentwickelt. 

Busenfreundin-Magazin: Gibt es Bestrebungen den Support auch in andere Städte auszuweiten?

Sabine Beck: Im Moment können wir das aus Kapazitätsgründen leider nicht leisten. Wir werden vom Land Berlin gefördert, doch ein großer Teil der Arbeit wird von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geleistet. Uns erreichen hin und wieder Meldungen aus anderen Bundesländern, was uns zeigt, dass auch dort ein Bedarf an Anti-Gewalt-Arbeit besteht. 

Ihr erreicht L-Support …

… online auf https://l-support.net/

… telefonisch unter 030 216 22 99

… persönlich in der Potsdamer Straße 139, 10783 Berlin

Die Hotline steht jeden Samstag und Sonntag von 17 bis 19 Uhr zur Verfügung. Während der Corona-Zeit bietet L-Support jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr unter 030 215 7554 ein zusätzliches Unterstützungsangebot für lesbiqueere Frauen, die unter der aktuellen Situation leiden. Das Büro ist in der Regel montags, dienstags, donnerstags und freitags besetzt.


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Patricia Busenfreundin - Das Magazin
Autorin: Patricia

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