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Deine Story

Hypothetische Homosexualität: Wenn ich mich in eine Frau verliebe, dann in dich

Bestimmt haben es viele von euch schon einmal erlebt. Ihr trefft eine Frau und sofort ist klar: Hier passt einfach alles. Ihr versteht euch perfekt, seid euch so nah wie niemandem zuvor und könnt einfach nicht genug voneinander kriegen. Es könnte die ganz große Liebe sein – wäre da nicht das klitzekleine Detail, dass sie hetero ist. Was bedeutet es, nur rein hypothetisch die Richtige zu sein? Das schildert unsere Autorin Steffi exklusiv in „Busenfreundin – das Magazin”!

Ein Gastbeitrag von Steffi Junk

Jedes Mal, wenn sich eine heterosexuelle Frau in mein Herz geschlichen hat, war es eine leicht abgewandelte Version der im Grunde immergleichen Geschichte: Unsere Wege kreuzen sich unvermittelt. Die erste Begegnung ist oft flüchtig, aus ihrer Sicht geradezu belanglos. Sie hält noch nicht für möglich, was sich für mich immerhin schon vage ankündigt. Bis es uns schließlich mit voller Wucht erwischt. Und bevor wir uns versehen, stehen wir vor den Scherben unserer … ja, was war es denn jetzt eigentlich?

Zwischen „Wie ein einziger Tag” & „Die Wilden Hühner”

Was alle Versionen der Geschichte eint, ist ihre außergewöhnlich bezaubernde Storyline. Wer mich davon erzählen hört, fühlt sich unweigerlich an einen Nicholas-Sparks-Roman erinnert. Immer sind es scheinbar schicksalhafte Begegnungen, die meine Fast-Freundinnen und mich zusammenführen. Zumindest ist es das, was wir beide glauben wollen – oder müssen. Wie sonst könnten wir uns die undurchdringliche Verbindung erklären, die auf einmal zwischen uns besteht? Die Intensität der Gefühle trifft uns unvorbereitet. Alles ist faszinierend und bedeutsam und will in tausend schönen Worten festgehalten werden.

Doch kurz bevor die Geschichte ihren romantischen Höhepunkt erreichen könnte, erhält der Plot einen abrupten Twist. Was jetzt folgt, erinnert bestenfalls an das unbeholfene Paarungsgebaren pubertierender Teenager.

Funfact: Spark bedeutet auf Deutsch Funke. Ganz richtig – wie in Cornelia Funke. Vielleicht es ist es also kein Zufall, dass in der Lovestory des Jahrhunderts die Irrungen und Wirrungen einer tragischen Teenie-Komödie bereits mit angelegt sind. Erst recht dann, wenn bisher unbekannte Gefühle für eine Person des gleichen Geschlechts mitspielen. Schließlich sagt Funke selbst über Wilma, das queere Mitglied der „Wilden Hühner”: „Ihre erste Liebe ist die komplizierteste von allen”.

Wenn die Schubladen nicht mehr passen

Es bringt scheinbar selbst erwachsene Frauen in große Erklärungsnot, wenn das, was sie für eine andere Frau empfinden, plötzlich nicht mehr in die vertrauten Schubladen passen will. Dahinter steckt möglicherweise die Angst vor einem unliebsamen Label. Der Kreativität sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, neue Kategorien für etwas zu erfinden, was sich spätestens nüchtern betrachtet nicht mehr guten Gewissens unter Freundschaft verbuchen lässt.

Wo eine Zuschreibung wie „platonisches Verliebtsein“ an ihre natürlichen Grenzen stößt, wird kurzerhand eine komplett eigene Symbolsprache entworfen. Sappho wäre stolz! Als Schauplatz der bildgewaltigen Ausführungen dient auffallend häufig das Universum. Die Logik dahinter ist so simpel wie genial – wo sonst könnte der Fundus an bedeutungsschweren Metaphern endloser sein als in den unendlichen Weiten des Alls?

Eine Frau hat es mir gegenüber so ausgedrückt: „Du hast zwar nicht meine ganze Welt ins Wanken gebracht, aber mindestens einen der Monde“. Entsprechend konnte sie sich eine Beziehung mit mir ausschließlich in einem Paralleluniversum vorstellen. Eine andere Frau beklagte sich vehement darüber, in meiner Umlaufbahn gefangen zu sein. Außerdem in der Nachricht enthalten: Ein Youtube-Link zu „Boom Boom Boomerang”. Message received. Dachte ich zumindest.

Lost in Translation

Die Frau in meinem Orbit schaffte es, mich so tief in Wortspielereien zu verstricken, dass selbst mein Umfeld davon angesteckt wurde. In Gesprächen über sie verfielen meine Freund:innen regelmäßig ebenfalls in Metaphern. Und so wurde ich unter anderem zu einer Zigarette, die sie sich verbot zu rauchen. Ich lachte darüber. Unter Freund:innen ist das lustig. Aber die Sache mit den Metaphern ist die: Ist die Beziehung nicht geklärt, bieten sie viel Spielraum für (Fehl-)Interpretationen. Verletzungsgefahr vorprogrammiert.

Eines will ich klarstellen: Es ist nicht meine Absicht, Personen zu diskreditieren, die sich im mitunter sehr schwierigen Prozess des inneren Coming-Outs befinden. Neue Gefühle zuzulassen und sie wohlwollend in das eigene Selbstbild zu integrieren, ist nicht immer leicht.

Nach eigener Aussage betrifft dies die Frauen, um die es hier geht, jedoch nicht. Sie identifizieren sich durchweg als „Stock-im-Arsch-hetero“, um eine von ihnen zu zitieren.

Unabhängig davon möchte ich für etwas sensibilisieren, das im Eifer des Wortgefechts schon mal vergessen wird:

1. Das Herz kann keine Universen unterscheiden.

2. Unter der eloquenten Oberfläche jedes Trabanten des Sonnensystems und jeder heimlich gerauchten Zigarette verbirgt sich oftmals eine verzweifelte Frage: Wer bin ich für dich und was willst du eigentlich von mir?

Gefühle im Konjunktiv

Wer mutig genug ist, die Frage zu stellen, wird womöglich Zeug:in einer weiteren, äußerst beliebten, verbal-stilistischen Vermeidungsstrategie – der hypothetischen Aussage.

Ein Beispiel: „Wenn ich mich jemals in eine Frau verlieben könnte, dann in dich.“

Was auf den ersten Blick wie ein Kompliment klingt, ist bei näherem Hinhören vor allem eines: eine Abfuhr. Allerdings eine, die Fragen aufwirft.

Macht es einen Unterschied, ob man aufgrund seines unqualifizierten Charakters, seines unerfreulichen Aussehens oder seines unvorteilhaften Geschlechts abgelehnt wird? Und wenn ja, was ist besser? Ist es tröstlich, zu wissen, dass mein Geschlecht das einzige „Problem“ ist? Dass ich definitiv Girlfriend-Material wäre, wenn ich doch nur kein … nun ja … Girl wäre? Ich persönlich finde, es macht die Sache im Zweifel eher schlimmer.

Egal wie man es dreht und wendet – die unbequeme Wahrheit hinter „Ich stehe nicht auf Frauen“ lautet „Ich stehe nicht auf dich“. Das ist zwar traurig, aber wenigstens einigermaßen eindeutig.

P.S. Ich liebe dich nicht

Schwieriger wird es, wenn der Disclaimer „Ich bin hetero“ in Verbindung mit einer augenscheinlich nicht mehr ganz platonischen Zuneigungsbekundung gedroppt wird.

Die gute alte Mixed-Message – im kommunikationstheoretischen Fachjargon auch als „paradoxe Kommunikation” oder „Double Bind” bezeichnet. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe im Laufe meines Lesbenlebens von Hetero-Frauen so einige davon gehört. Hier eine kleine Auswahl – sinngemäß und in loser Reihenfolge:

„Ich habe mich in dich verliebt, aber ich kann nicht deine andere Kugelhälfte sein.“

„Du hast eine extrem krasse Anziehung auf mich, aber ich stehe nicht auf dich.“

„Was da grade aus meinem Mund kam, war vielleicht näher an einer Liebeserklärung, als alles andere jemals zuvor, aber ich bin nicht in dich verliebt, ich bin hetero“.

„Mein Bett riecht nach dir. P.S. Ich bin hetero.“

Alles klar? Ähm … geht so!

Amors Pfeile

Nochmal: Es kann immer sein, dass eine Person sich nicht sicher ist, was ihre Gefühle oder ihre sexuelle Orientierung betrifft. Das ist in jedem Fall legitim und darum geht es hier nicht.

Es geht darum, dass das Label „hetero“ kein Freifahrtschein ist. Wer Amors Pfeile großzügig in alle Himmelsrichtungen verteilt, muss damit rechnen, ins Kreuzfeuer zu geraten. Steht erst einmal die angeschossene Busenfreundin – blutend mit dem abgebrochenen Pfeil in der Hand – auf der Matte, ist es zu spät für platonischen Pazifismus. Sich dann schulterzuckend mit einem „Ich habe doch gesagt, dass ich hetero bin“ aus der metaphorischen Affäre zu ziehen – nicht cool. Denn auch wenn es stimmen mag, ist es eben nur die halbe Wahrheit.

Komm nicht nach mir, ich verbrenn dich

Aus meiner persönlichen Perspektive ist der Flirt mit einer Hetero-Frau immer ein Spiel mit dem Feuer. Besonders brenzlig wurde das für mich ausgerechnet mit einer, die mich gewissermaßen sogar schriftlich vorgewarnt hat. In einem Brief von ihr steckte ein Gedicht, das exakt dieses Spiel zum Thema hat. Es heißt „Waldmädchen” und handelt von der Faszination des Feuers, von verlorener Liebesmüh bei der Jagd auf ein scheues Reh und von quälender Einsamkeit.

Hätte mir das eine Warnung sein müssen? Gut möglich. Stattdessen habe ich die Tatsache, überhaupt einen Brief mit einem Gedicht von ihr zu bekommen, als wildromantische Geste interpretiert. Ups.

Am Ende lande ich bei der universalen Erkenntnis, die für alle zwischenmenschlichen Beziehungen gleichermaßen gilt: Communication is key. Verläuft diese davon unbeirrt so vollendet aneinander vorbei wie bei Bambi und mir, kann die Geschichte wohl unvermeidlich nur so enden, wie das Gedicht:

Bin ein Vöglein in den Lüften,
Schwing mich übers blaue Meer,
Durch die Wolken von den Klüften
Fliegt kein Pfeil mehr bis hieher,

Und die Aun und Felsenbogen,
Waldeseinsamkeit
Weit, wie weit,
Sind versunken in die Wogen –
Ach, ich habe mich verflogen!


Was sind eure Erfahrungen mit Hetero-Frauen und hypothetischer Homosexualität? Habt ihr euch auch schon einmal verbrannt oder verflogen? Erzählt es uns in den Kommentaren!


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