Ok, krass!

Lebensgefahr Homosexualität – warum Sarah Hegazi den Freitod wählte

2017 schwingt eine junge Frau lachend eine Regenbogenflagge. Sie sitzt auf den Schultern eines Freundes, um die Bühne während des Konzerts der ägyptischen Band Mashrou’ Leila in Kairo besser sehen zu können. Der Sänger der Band, Hamed Sinno, lebt offen schwul. Der solidarische Akt des Schwingens der Flagge hat Folgen: Im Anschluss an das Konzert wird sie festgenommen.

In Ägypten ist Homosexualität offiziell nicht verboten. Queere Menschen werden dennoch von staatlichen Organisationen verfolgt und leben tagtäglich in Angst vor Verhaftungen. „Förderung von sexuellen Abweichungen“ bzw. „Unzucht“ werden hart bestraft. So wird auch vor der Nutzung von Dating-Apps gewarnt. Strafverfolgungsbehörden berufen sich bei der Verfolung Homosexueller auf ein Gesetz zur Bekämpfung von Prostitution. Damit können sowohl Geld- als auch Gefängsnisstrafen verhangen werden.

Als die einzige verhaftete Frau an dem Tag wurde die Ägypterin in Polizeigewahrsam gefoltert. Der Vorwurf: Sie gehöre einer illegalen Gruppierung an, die „sexuelle Abweichung“ befürworte und fördere. Bis Januar 2018 blieb sie in Haft, durchlitt während der drei Monate Inhaftierung heftigste psychische und körperliche Misshandlungen, unter anderem mit Elektroschockern.

Sarah Hegazi floh nach ihrer Freilassung nach Kanada. Ihre traumatischen Erlebnisse nahm sie mit. Aufgrund der Folter litt sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In einem Interview mit den CBC News sagte sie 2018: “I want to get over it and I want to forget. But no, I’m still stuck in prison.” Das Fehlen ihrer Familie und Freunde setzte ihr zusätzlich zu. Sie litt unter wiederkehrenden Albträumen, Depressionen und Panikattacken.

Am 13. Juni 2020 nahm sich die junge Frau das Leben. Die LGBT-Aktivistin wurde nur 30 Jahre alt.

Foto: Hamed Zane Sinno/facebook

Kampf für Toleranz

Noch heute, im Jahr 2020, werden queere Menschen tagtäglich Opfer von Gewalt. Die bunte Palette der gesellschaftlichen Diskriminierung reicht von Beleidigungen bis zu Mord. Nicht wenige Menschen der LGBTQ+-Community müssen mit harten Strafen seitens des Staates rechnen. Menschen wie Sarah Hegazi, die sich trotz widriger Bedingungen entfalten wollen, zahlen oftmals einen viel zu hohen Preis für ihre Freiheit.

Die Umstände machen deutlich, wie wichtig der Kampf für all jene, die nicht in einer toleranten Umgebung leben, ist.

Sarah Hegazi setzte sich dafür ein.

Die Berichterstattung von Freitoden ist nicht Teil unserer täglichen Redaktionsarbeit und gebietet auch laut dem Pressekodex (8.7) Zurückhaltung. Ein Grund dafür ist die erhöhte Nachahmerquote nach derartigen Berichten.

Leidest du unter Suizid-Gedanken? Such dir bitte umgehend Hilfe. Ein Ansprechpartner ist die anonyme Telefonseelsorge, die rund um die Uhr für dich erreichbar ist.

Nummer der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111
www.telefonseelsorge.de

Debbie-Busenfreundin-das-Magazin
Autorin: Debbie

2 comments

  1. Wenn ich solche Nachrichten lese, ist es für mich unvorstellbar, dass das Ausleben meiner sexuellen Orientierung in vielen Ländern noch immer so „gefährlich“ ist. In solchen Situationen wird mir klar, wie privilegiert ich als offene Gayfrau leben darf. Lange habe auch ich „nichts“ gesagt und mich unterm Radar versteckt aus Angst vor dem Gerede vor dem, was die anderen Menschen über mich denken und wie sie reagieren. Wenn ich dann lese, was in manchen Ländern mit Homosexuellen passiert und wie krass sie teilweise diskriminiert ja sogar misshandelt werden, schäme ich mich schon fast, dass ich nicht zu mir gestanden habe und meine jetzige Frau zu Beginn unserer Beziehung mit meinen Reaktionen verletzt habe. Der einzige Mensch, der mir im Weg stand, war ich selbst. Ich bin froh,dass ich den Mut hatte, dies zu ändern, sonst wäre ich aber vor allem wir nicht an diesem wundervollen Punkt in unserem Leben angelangt. Deshalb sind wir alle in der Pflicht, mutig zu sein und in die Sichtbarkeit zu gehen solange die Beweggründe dies nicht zu tun, nur aus Angst vor „Gerede“ sind. Das ist euer Leben und wer das nicht respektiert, hat darin keinen Platz verdient. Seid stolz darauf wen ihr liebt, denn das ist ein wundervolles Gefühl. Danke liebes BF-Team das ihr so tolle Arbeitet leistet! Macht weiter so. #sarahhegazi🌈#RIP

    1. Liebe Steffi,
      vielen Dank für den Einblick in deine Gedanken! Es kann hart sein, wenn man nicht zu sich stehen kann, weil man Angst hat. Das ist aber kein Grund, sich zu schämen! Seine eigenen Ängste abzuwerten ist nicht der richtige Weg – die Gefühle sind schließlich echt und Angst vor Zurückweisung ist nun mal hart, egal woher man kommt. Wir sind hier privilegiert und dürfen offen leben. Das wertschätzen zu können und sich bewusst darüber zu sein, kann oft schon helfen, die Angst ein bisschen loszuwerden. Es braucht Zeit, bis das passiert, aber irgendwann wird es besser – wie du selbst ja auch gemerkt hast. Und wir kämpfen dadurch mit offen Augen für die Sichtbarkeit der Community – damit auch Menschen, die in gefährlichen Ländern leben, das irgendwann so können, wie wir hier.

      Go on! 🙂

      Debbie

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