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Mein Ausstieg bei den Zeugen Jehovas

Deborah ist Gay.  Bis zu ihrem 16. Lebensjahr war sie Teil der Religionsgemeinschaft der “Zeugen Jehovas”. Wie sie ihren Weg aus der streng gläubigen Religionsgemeinschaft schaffte und mit welchen Hürden sie konfrontiert wurde, schreibt sie exklusiv in “Busenfreundin – Das Magazin” . 

“Jehova wird euch alle vernichten!” Als ich diese Worte im Kindergarten aussprach, war ich gerade mal fünf Jahre alt und Mitglied der christlichen Glaubensgemeinschaft der “Zeugen Jehovas”.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was ich den anderen Kindern, die nicht den mir bekannten Regeln folgten, da sagte. Alles, was ich gelernt hatte, war, dass ihr und der Lebensweg ihrer Eltern falsch war: Sie feierten Geburtstag, obwohl die böse Königin Isebel an ihrem Geburtstag den Kopf von Johannes, dem Täufer, abschlug. Sie feierten Weihnachten und Ostern, obwohl die Daten nicht stimmten. Sie hängten Jesus an ein Kreuz, obwohl er am Pfahl gestorben war. Sie logen, lebten in unehelichen Gemeinschaften und versündigten sich gegen Jehova, den Gott, der seinen einzig gezeugten Sohn gab, nur um sie zu retten.

Die Lehren waren Gesetz. Ich wurde bereits in die Religion (mittlerweile offiziell als solche anerkannt) der Zeugen Jehovas hineingeboren und hatte keinen Zweifel, dass sie die Wahrheit lehrten. Ich wuchs in dem Glauben auf, dass man seinen Nächsten lieben soll, wie sich selbst, die andere Wange auch noch hinhalten und sich nicht mit der Welt abgeben darf. Dies bedeutete konkret, dass man sich grundsätzlich von Menschen außerhalb der Religion fernzuhalten hatte.

Homosexualität als Sünde

Sex vor der Ehe war streng verboten, ebenso wie Masturbation oder Homosexualität. Um nicht den fleischlichen Begierden zu erliegen, betete man. Regelverstöße wurden streng bestraft: Die Ältesten, eine Gruppe älterer Männer, forderten den oder die Sünder/in zu einem Gespräch auf, wo er oder sie ermahnt wurde. Änderte sich das Verhalten nicht, folgte der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ausgeschlossene wurden behandelt wie Luft, nicht einmal Begrüßungen waren erlaubt.

Unter diesen strengen Regeln lebte ich 16 Jahre. Dann wurde mir klar, dass ich mehr Interesse an Frauen hatte, als an Männern. Das riss mir den Boden unter den Füßen weg und ich verleugnete die aufkeimende Neigung zunächst. Geistig gesehen war sie ein Todesurteil, stellte sie mich doch vor genau diese Wahl: Mein ganzes Leben lang allein oder gezwungenermaßen mit einem Mann zu verbringen – oder mich von Gott abzuwenden, um meine Sexualität ausleben zu können – und sterben. Kein ewiges Leben im Paradies, nie wieder meine Mutter sehen, meine Freunde für immer verlieren.

Nach dem Outing wendeten sich Menschen ab

Ich beschloss, dagegen anzukämpfen. Ich wollte nicht „so“ sein. Also betete ich zu Jehova, immer wieder. Dennoch wurde ich diese Fantasien, diese Sehnsucht nach Berührung nicht los. Ich weinte viel in dieser Zeit. Mit jemandem reden konnte ich nicht, denn die Ratschläge über das Beten und den regelmäßigen Besuch der Versammlungen im Königreichssaal (Gottesdiensten in einer Kirche gleichzusetzen) kannte ich bereits. Zusätzlich hätte ich meine Mutter in eine schlimme Lage gebracht, denn aufgrund einer schweren Erkrankung konnte sie nur selten die Versammlungen besuchen und wäre getadelt worden – schließlich war sie für meine Erziehung verantwortlich. Zudem hätte ich bei einem Outing mein gesamtes Umfeld verloren, schließlich sollten nicht einmal Eltern Kontakt zu ihren Kindern haben in solch einem Fall. Ich wollte sie nicht mit meinem Fehlverhalten belasten, also schwieg ich und versuchte, alles zu unterdrücken. In diesen Monaten bestrafte ich mich für mein Verlangen, verletzte mich selbst, um den immer größer werdenden Druck abzubauen, und hatte dann auch deswegen ein schlechtes Gewissen.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie es endlich in mir klickte. Ich stand zwischen all den Leuten in der Versammlung, wir sangen ein Loblied auf Jehova und ich sah mich um, wie sie alle da standen und sangen, sah auf meine beste Freundin links von mir und unterdrückte die Tränen. Das Doppelleben, das ich führte, kam mir heuchlerisch vor. Und zum ersten Mal wurde ich wütend. “Wenn mich ein Gott nicht lieben kann, wie ich bin, dann brauche ich ihn nicht!”, schoss mir durch den Kopf. Nach monatelangem, erbitterten Kampf gegen mich selbst gab ich auf. Lieber ein kurzes Leben in Erfüllung, als ein ewiger Kampf, bis ich dann irgendwann von Gott „geheilt“ werde, um wieder hetero zu sein.

Ab diesem Zeitpunkt im Sommer ging ich nicht mehr in die Versammlungen und hatte kurz danach meine erste Freundin. Der Kampf war aber weiterhin aktuell – meine Mutter war noch dabei und ich hatte keinerlei Erklärungen abgegeben, wieso ich nicht mehr hinging. Zudem kämpfte ich immer noch mit mir, denn jahrelange Lehren verschwinden nicht einfach mal eben so. Vermutlich hätte ich mein Outing noch lange hinausgezögert, aber im Frühling ging mein PC kaputt. Mein Schwager reparierte ihn und ich hatte Angst, er könne dabei auf einige brisante Fotos stoßen – Kussbilder – von denen er meiner Schwester gewiss erzählen würde und dann wüsste es auch bald meine Mutter. Ich wollte, dass sie es von mir erfährt.

Die Situation war abstrus: Meine Mutter und ich standen am Bahnsteig und warteten nach einem Familienbesuch auf den vierstündigen Zug nach Hause, als ich meinen Mut zusammen nahm und ihr sagte, dass S. und ich mehr als nur Freundinnen waren.

Ich hatte riesige Angst vor ihrer Reaktion. Sie schwieg zuerst und sagte dann traurig: “Das habe ich mir schon gedacht. Aber das ist doch nicht normal und Kind – du bist doch normal!”

Die Freiheit, so zu sein wie ich bin, war mehr wert als alles andere

Der Satz hat sich tief eingebrannt. Er tat unheimlich weh, auch heute noch, obwohl ich weiß, dass sie nicht anders konnte. Sie reagierte nur so, wie die Religion es sie und auch mich über viele Jahre gelehrt hatte.

Im Gegensatz zu den Anordnungen hat sie mich nicht verstoßen. Sie war immer eine tolle Mama für mich und obwohl sie sich besonders anfangs noch einen Schwiegersohn wünschte, akzeptierte sie es irgendwann und sagte vor einiger Zeit sogar, sie könne sich mich gar nicht mehr anders als mit einer Frau vorstellen.

Ich hatte damit wahnsinniges Glück. Ich verlor mein gesamtes Umfeld, meinen Freundeskreis, meine Bekannten. Ich musste mich einfinden in neue Freiheiten und die Nutzung derselben, ohne schlechtes Gewissen. Aber ich hatte noch meine Mutter, die mich unterstützte, so gut sie konnte. Andere haben das Glück nicht. Die Religion hat unglaublich strenge Regeln, die mit der Liebe Gottes verkauft werden. Ein Outing und das Verweilen in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas sind in Kombination unmöglich.

Man verliert alles und jeden, das ganze Leben bricht zusammen. Aber ich würde es wieder tun! Der innere Kampf ist zerstörend. Man ist psychisch völlig am Ende und weiß trotzdem, dass man ihn verlieren wird, weil man irgendwann einfach nicht mehr kann.

Die Freiheit, in dem Moment, in dem man sich dann endlich akzeptiert, ist wie ein Aufatmen kurz vor dem Erstickungstod. Sicher, es gibt sie auch heute noch, die kurzen Momente, in denen man sich “falsch” fühlt. Jahrelange Indoktrination hat immer Folgen. Aber ich kann damit leben.

Was ich empfinde, ist nichts Schlimmes.


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“Hallo zusammen! Mein Name ist Debbie, ich bin 29 Jahre alt und lebe in Gießen. Ich habe einen Bachelor of Arts in Germanistik und Geschichte und studiere aktuell Sprache, Literatur und Kultur im Master. Ich bin Teil der Busenfreundin-Crew, weil ich es wichtig finde, Themen zu transportieren, nahbar zu machen und anderen ein bisschen von dem zukommen zu lassen, was ich damals vermisst habe.”

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3 comments

  1. Sehr berührender Artikel und wirklich gut geschrieben. Vielen Dank für diesen Content, hoffentlich gibt es mehr Menschen den Mut zu sich selbst zu stehen!

  2. Hallo Debbie,

    ich spreche dir für deinen Weg ebenfalls meinen größten Respekt aus und wünsche dir weiterhin alles Gute! 🙂

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