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„Meine Motivation bin ich!” – Sportlerin Gamila Kanew im Interview

Gamila Kanew ist Profisportlerin und betreibt die Kampfsportart Brazilian Jiu-Jitsu. Wir sprachen mit ihr über ihre Karriere, Klischees und ihr Outing.

Für Busenfreundin Gamila Kanew ist Sport ein großer Teil ihres Lebens: Die 24-jährige betreibt den Kampfsport Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ). Das ist eine Form des Bodenkampfes, bei der verschiedene Griff-, Halte- und Wurftechniken kombiniert werden. Wie Gamila zum Sport kam, wie klischeelastig BJJ ist und was sie anderen SportlerInnen in Sachen Outing rät, erzählte sie „Busenfreundin – Das Magazin” in einem exklusiven Interview.

 Busenfreundin-Magazin: Wie kamst du zum Sport und was waren deine größten Erfolge?

Gamila Kanew: Ich habe mit 6 Jahren angefangen Sport zu treiben. Schon meine Mutter war Leistungssportlerin in der DDR. Meine erste Sportart war der Fußball. Ich spielte insgesamt 14 Jahre lang, seit meinem 11. Lebensjahr auf Leistungssportniveau – unter anderem beim 1. FC Lokomotive Leipzig. 

2015, nach meinem Abi, habe ich mit dem Sport aufgehört und knapp 50 kg zugenommen. Irgendwann wollte ich wieder Sport machen und fand die Liebe zum Kampfsport – genauer gesagt zum Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ). Ich verlor die 50 kg relativ schnell wieder und bin jetzt seit gut 4 Jahren aktiv dabei. 

Meine größten Erfolge:

  • Doppelgold bei der Europameisterschaft der AGF (American Grappling Federation) 2017 in Belgien
  •  3-fach Gold bei der Weltmeisterschaft der JJWL (Jiu Jitsu World League) 2018 in Los Angeles
  • Bronze bei den IBJJF (International Brazilian Jiu Jitsu Federation) NoGi-Weltmeisterschaften 2018 in Azusa
  • Silber bei den Profi-Weltmeisterschaften der UAEJJF (United Arab Emirates Jiu Jitsu Federation) 2019 in Abu Dhabi 

Busenfreundin-Magazin: Wie motivierst du dich?

Gamila Kanew: Meine größte Motivation war immer ich selbst. Das wird auch so bleiben. Ich liebe es, mich selbst zu fordern und über meine Grenzen zu gehen. Ich versuche jeden Tag das Beste aus mir herauszuholen.

Busenfreundin-Magazin: Wie viel Prozent deines Lebens nimmt der Sport ein?

Gamila Kanew: Mindestens 70, an manchen Tagen auch 95.

Busenfreundin-Magazin: Wie war Dein Outing?

Gamila Kanew: Relativ unkompliziert und durch den Fußball schon irgendwie sehr leicht. Nur bei meinem muslimischen Vater war es etwas schwieriger.

Busenfreundin-Magazin: Lesbisch und Kampfsportlerin – Klischee, oder?

Gamila Kanew: Eigentlich so gar nicht. Beim Fußball würde ich der Aussage eher zustimmen. Ich kenne meine Gegnerinnen sehr gut und davon sind die wenigsten lesbisch. Es wäre auch etwas komisch, wenn wirklich sooo viele lesbische Frauen BJJ machen würden, da wir sehr engen Körperkontakt haben.

Busenfreundin-Magazin: Welche Klischees erfüllst Du?

Gamila Kanew: Ich habe kurze Haare, bin ziemlich androgyn, hatte mal einen Tunnel im Ohr … ich bin schon auf eine Art und Weise sehr lesbisch. Vor 8 bis 9 Jahren war das auch noch sehr wichtig für mich. Da hat das Lesbisch-Sein zu meiner Identität gehört und ich wollte, dass es alle wissen.

Heute ist es mir egal. Ich bin lesbisch, ja, aber ich bin noch so viel mehr. Und meine Sexualität ist nur ein winzig kleiner Teil von mir.

Busenfreundin-Magazin: War deine Sexualität während deiner sportlichen Laufbahn (in Umkleidekabinen, auf Wettkämpfen etc.) mal Thema?

Gamila Kanew: Naja, beim Fußball waren sehr viele Frauen lesbisch … es war eher ungewohnt, wenn jemand straight war. Jetzt beim BJJ interessiert es einfach niemanden.

Gamila Kanew Busenfreundin

Busenfreundin-Magazin: Im BJJ hast du engen Körperkontakt zu Gegnerinnen – macht dich das manchmal an?

Gamila Kanew: Nein. Und das ist auch gut so. BJJ und sexuelle Gedanken gehen für mich einfach nicht zusammen. Ich bin dort um zu kämpfen. Und wenn mich jemand gerade würgt oder meinen Arm hebelt, habe ich gar keine Zeit, über sowas nachzudenken, da ich versuche zu überleben 😀 

Generell ist es für mich super wichtig, solche Gedanken da rauszuhalten. Sonst würde das Ganze auch echt kompliziert werden.

Busenfreundin-Magazin: ‘Busenfreundin’ ist unser selbst gewähltes Synonym für Lesbe. Wie stehst Du zu dem Wort ‘Lesbe’?

Gamila Kanew: Ich habe prinzipiell kein Problem mit dem Wort. Einige finden es ja negativ konnotiert. Ich verwende den Begriff aber selbst auch. Ich denke, es kommt immer darauf an, wie man den Begriff verwendet und auch auf die Betonung.

Busenfreundin-Magazin: Gibt es etwas, was dich im Sport-Business so richtig aufregt?

Gamila Kanew: Dass es echt schwer ist Sponsoren zu finden. Vor allem als Frau. Und vor allem, wenn du nicht dem weiblichen Idealbild entsprichst. Dann kommt entweder „Würdest du ein Kerl sein, dann gerne” oder „Wenn du mehr aussehen würdest wie eine Frau”. Das hasse ich. Das hat aber nichts mit meinem Sport zu tun, sondern mit den Firmen, die ich anschreibe.

Busenfreundin-Magazin: Sollten mehr SportlerInnen zu Ihrer Sexualität stehen?

Gamila Kanew: Das kommt echt auf die Region, das Land und die Situation an. Wenn Lebensgefahr beim Outing droht, würde ich dazu nicht raten. Generell denke ich aber, dass die Sport-Community nicht wirklich homophob ist. Gerade im Kampfsport ist Toleranz und gegenseitiger Respekt das A und O. Daher braucht sich dort niemand zu verstecken oder Angst zu haben.

Aber wie gesagt: Man muss immer die Gesamtsituation betrachten.

Busenfreundin-Magazin: Was rätst Du Menschen, die sich aus Angst, damit ihre Karriere zu gefährden, nicht outen (wie z. B. im Fußball der Männer)?

Gamila Kanew: Ich denke wie gesagt, dass es manchmal vielleicht auch besser ist. Wenn du in einem Land wohnst, in dem du dafür z. B. gesteinigt oder aus deiner Familie verbannt wirst, ist es viel zu gefährlich, sich zu outen. 

In Deutschland muss man nicht unbedingt um sein Leben fürchten, aber man braucht auch ein dickes Polster, um mit möglichem Hass und Anfeindungen umgehen zu können. Wenn man keinen Rückhalt hat oder an sich schon sehr unsicher ist, sollte man es vielleicht noch nicht tun. Heute denke ich darüber auch anders als früher. Deine Sexualität geht vor allem dich etwas an – du bist nicht verpflichtet dich zu outen. Das machen Heterosexuelle ja auch nicht.

Wenn du dich outen willst, dann solltest du das natürlich tun und keiner hat ein Recht, dich dafür zu verurteilen.

Busenfreundin-Magazin: Gamila, vielen lieben Dank für das spannende Interview! Weiterhin viel Erfolg im Sport und darüber hinaus! 

Photocredits:  privat/Marek Surdyk


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Patricia Busenfreundin - Das Magazin
Autorin: Patricia

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