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Midlife-Outing: Auf Umwegen zu mir selbst

Hochzeit, Kinder und dann DAS? Späte Coming-outs sind in unserer Gesellschaft wenig sichtbar. Das liegt vor allem an unserer heteronormativ geprägten Gesellschaft und dem Heterosexismus. Auch die Forschung hat sich mit diesem „Phänomen“ und den damit verbundenen Herausforderungen bisher wenig befasst. Erfahrungsberichte von Personen mit einem späten Coming-out findet man meist nur in Sachbüchern. Warum es wichtig ist das Schweigen zu brechen und wie sie ihr Outing mit Anfang 30 erlebte, berichtet unsere Gastautorin Marei deshalb exklusiv in „Busenfreundin – das Magazin”!

„Sollte die Ehe irgendwann auseinander gehen, suche ich mir ‘ne Frau!“. Ein Satz, der mich einige Jahre, nachdem ich ihn ausgesprochen hatte, eiskalt erwischte. Denn ich wusste: Das war keine Floskel. Der Gedanke an eine Beziehung mit einer Frau entspannte mich. Trotzdem habe ich ihn nie weitergedacht.

Das Umfeld, in dem ich aufwuchs, war stark heteronormativ geprägt. Dass man mit 18 davon träumt eine romantische Nacht mit der besten Freundin zu verbringen? Ach, das ist der Reiz, man ist ja jung. Das alles hatte sich fest in meinem Gehirn eingebrannt. Eine Frau hatte hetero zu sein. So heiratete ich mit Mitte 20 einen Mann. Mein Lebensweg war vorprogrammiert.

„Glaub’ nicht, dass das Lesbischsein heutzutage selbstverständlich ist!“

Doch es kam anders. Mit Anfang 30 stand ich – zehn Jahre Beziehung und zwei Kinder später – am Scheideweg. Die Ehe war dahin und es begann ein neuer Lebensabschnitt. Aber wie und vor allem mit wem? Wie findet man heutzutage eine neue Liebe? Nach ein paar gescheiterten Dates mit Männern erinnerte ich mich wieder an meinen Satz von damals. Und natürlich war da auch die Frage, warum sich Dates mit Männern so falsch anfühlten. Als ich irgendwann nur noch Frauen nach rechts und Männer nach links wischte, folgte schnell das erste Date mit einer Frau.

Mit zwei Flaschen Wein im Gepäck war eigentlich klar, wie das endet. Am nächsten Morgen standen wir schweigend und mit Kater in der Küche. Diese Frau sah ich nie wieder. Das sollte der Anfang sein, aber das war mir damals noch nicht klar. Lange Gespräche mit meiner besten Freundin folgten, die selbst einige Jahre mit einer Frau zusammengelebt hat. „Glaub nicht, dass das heutzutage selbstverständlich ist! Die Gesellschaft ist nicht so liberal und offen, wie du denkst!“. Ein Satz den ich nicht glauben wollte, der aber trotzdem hängen blieb und sich leider auch noch bewahrheiten sollte.

„Ich will gar keinen Mann mehr, ich will eine Frau!“

Trotzdem folgten wieder Dates mit Männern, wahrscheinlich genau wegen dieses Satzes. Doch irgendwann kam der Tag an dem sich alles nur noch falsch anfühlte. Nach vielen schlaflosen Nächten ist dann ist endlich der Groschen gefallen. Und ich war erleichtert. „Ich will gar keinen Mann mehr, ich will eine Frau!“. Endlich war es raus, wenn auch nur in mir selbst.

Endlich wusste ich, was ich wollte. Kein Ausprobieren, keinen Reiz erleben, nein, ich suchte eine Beziehung mit einer Frau! Ja, ich, die heterosexuelle alleinerziehende Mama, die man nur so kennt. Und plötzlich war SIE da! Eine lesbische Frau! Eine wunderschöne lesbische Frau! Wow! Meine! Ich wusste es sofort!

Nach dem ersten Kuss war klar, dass es kein Zurück mehr gab! Ja, ich bin lesbisch und das ist auch gut so! Am liebsten wollte ich es in die ganze Welt hinausschreien. Denn dass ich jetzt eine Frau liebte, fühlte sich für mich einfach selbstverständlich an. Der Kreis meiner engsten Personen war wenige Wochen nach meinem inneren Outing eingeweiht. „Ach was, das glaub ich nicht, du doch nicht!“, „Sieht deine Freundin männlich aus?“, „Warum nicht, Kinder hast du ja jetzt schon!“.

„Warum kann sie denn kein Mann sein?“

Nun war es also raus, aber ich merkte wie mich die Reaktionen der Anderen beeinflussten und verletzten. In einer Nacht lag ich heulend im Bett lag und dachte: „Warum kann sie denn kein Mann sein?“. Nicht weil ich das wollte, sondern mein Umfeld. Ich zweifelte nicht an meinen Gefühlen, sondern daran, ob das wirklich richtig ist. Niemand war bösartig, aber ich habe mich extrem ausgegrenzt und abgelehnt gefühlt.

Die Worte meiner besten Freundin schallten in meinem Kopf. Sie hatte so recht. Plötzlich sprachen meine Freundinnen mit mir nicht mehr über Sex, Kontakte wurden seltener und Umarmungen distanzierter. Vor allem Frauen hatten ein Problem mit meinem Outing. Heute weiß ich, dass es Studien darüber gibt, die besagen, dass Frauen sich in der Gesellschaft von homosexuellen Frauen viel unwohler fühlen als in der Gegenwart homosexueller Männer. Warum ist das so?

Die heterosexuelle Prägung unserer Gesellschaft sitzt tief. Das Bild von Mutter, Vater, Kind auch. Tatsächlich kam die einzige wirklich positiv empfundene Reaktion von einem Mann, meinem Ex. „Kann ich verstehen, ich steh’ auch auf Frauen!“. Grundsätzlich stellen Männer auch weniger Fragen zu meiner Homosexualität. Liegt vielleicht auch in der Natur der Sache 😉

Ende gut, alles gut?!

Ich fühlte mich schlecht, weil ich verleugnete und weil ich nicht ehrlich war. Ich hasse Lügen. Warum lasse ich mich von anderen in meiner Identität einschränken? Zum Glück bin ich aber auch immer wieder auf Menschen gestoßen, denen es total egal war, wen ich liebe. Die mich so sahen, wie ich bin. Als Mensch, als Frau. Und mit der Zeit merkte ich auch, dass mein Umfeld entspannter damit umging, wenn ich es auch tat. Das Gesetz der Anziehung.

1,5 Jahre liegen nun hinter meinem Outing. Ich weiß, dass ich es immer wieder tun werde. Und mittlerweile ist es auch ogay. Denn mir ist eine Sache bewusst geworden: Wir können nur dann für Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von Homosexualität in der Gesellschaft sorgen, wenn wir darüber reden. Immer und immer wieder. Deshalb fällt es mir immer leichter, auch über unseren ersten gemeinsamen Patchwork-Familienurlaub auf dem Spielplatz mit einer Kindergartenmutter zu quatschen. Mit dem gutem Gefühl, dass meine Freundin und unsere beiden Katzenbabys zuhause warten. Und ganz viel Liebe!


Wann hattet ihr euer Coming-out? Wie lief es ab? Erzählt es uns in den Kommentaren!


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Autorin: Marei

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2 comments

    1. Liebe Anna,

      es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat und ich hoffe du konntest auch positive Erfahrungen sammeln.

      Liebe Grüße, Marei

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