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Kolumne

Warum Coming Outs „out“ sind

Autorin: Ricarda Hofmann

Ein Bild, ein schwarzes Herz-Emoji – das war’s. Als der Schauspieler Jannik Schümann vor einigen Tagen das erste Mal ein Bild von seinem Partner und ihm postete, griffen es die Boulevard-Medien auf, als wäre er zusätzlich auf dem Mond gelandet. Das, was selbstverständlich sein sollte, ist offenbar immer noch ein Klick-Garant. In den vergangenen Tagen stellte ich mir die Frage: Braucht es heutzutage überhaupt noch ein Coming Out? Und falls ja, sollte man den offenen Umgang der eigenen Sexualität oder Identität überhaupt noch als „Coming Out“ bezeichnen?

„Outing“ ist nicht gleich „Coming Out“

Aber lasst uns einen Schritt zurück gehen. „Coming Out“ und „Outing“ werden oft in einem Atemzug genannt und stehen insbesondere für das Öffentlichmachen der eigenen sexuellen Orientierung. Dennoch sind die Begriffe auch sehr verschieden. Während „Coming Out“ durch einen selbst erfolgt (hier kann man wiederum zwischen dem inneren und äußeren Coming Out unterscheiden), wird „Outing“ laut Definition durch einen Dritten – meistens ohne vorherige Erlaubnis – vorgenommen. Der „Outing“-Begriff etablierte sich übrigens in den 1990er Jahren im deutschen Sprachgebrauch. Also vor über 30 (!) Jahren. 1991 outete der Filmemacher Rosa von Praunheim beispielsweise den Moderator Alfred Biolek sowie den Comedian Hape Kerkeling in der RTL-plus-Sendung „Explosiv – Der heiße Stuhl“ öffentlich als homosexuell. In den USA wurden Jodie Foster und Boy George öffentlich geoutet. Auf perverse Art und Weise war das Ziel des Outings einer prominenten Person, das Thema zu enttabuisieren und Vorbilder zu schaffen.

Wir sollten nicht das Konzept, aber die Begrifflichkeit hinterfragen

Ich denke, dass wir uns heutzutage einig sind, dass Fremd-Outings – so wie es bei Biolek und Kerkeling der Fall war – ein absolutes No-Go darstellen. Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, ob, wann und wo die öffentliche Thematisierung der eigenen Sexualität stattfinden sollte. Was ist aber mit dem Coming Out? Ich finde nicht, dass man das Konzept eines Coming Outs in Frage stellen sollte, sondern vielmehr die Begrifflichkeit.

Und hier meine These: wenn wir alle Sexualitäten und Identitäten heute wie künftig mit einer Selbstverständlichkeit begreifen wollen, müssen wir sie nicht auch mit genau dieser betiteln? „Outing“ oder „Coming Out“ beschreibt einen Vorgang, der das „Anderssein“ impliziert. Und klar – diese Zeilen schreibe ich gerade aus meiner privilegierten europäischen Blase, aus der alles deutlich einfacher erscheint. Natürlich ist es in vielen Regionen der Welt noch nicht selbstverständlich homo-, bi- oder transsexuell zu sein. Das gilt auch für Teile Deutschlands (was schlimm genug ist).

„Coming out“ und „Outing“ klingt nach Steuerbetrug

„Sich zu outen“ setzt für mich voraus, dass man etwas verstecken musste. Und da sind wir schon beim Thema. Googlet man „Outing“ erhält man eine Reihe von Synonymen wie „aufdecken“, „demaskieren“ oder „entlarven“. Im Umkehrschluss geben sich Menschen also zu erkennen, wenn sie offen mit ihrer Homo- oder Transsexualität umgehen. Bei „Coming Out“ oder „outen“ schwingt in meiner Wahrnehmung immer etwas mit, das den Beigeschmack von einer Schuldigkeit hat. „Outen“ sehe ich vielmehr im Zusammenhang mit Steuerhinterziehung, Klimasünder:innen oder Menschen, die das Michael Wendler-Parfüm (1,8 von 10 Sternen!) kaufen.

Lasst uns Folgendes festhalten: Jeder Mensch sollte immer angstfrei über seine Sexualität oder Identität reden können. Das ist bis heute nicht immer möglich. Insofern: ja, wir müssen weiterhin über Queerness reden, denn gesellschaftliche Strukturen können sich nicht verändern, wenn man sie nicht thematisiert und Denkweisen hinterfragt. Wir brauchen Vorbilder und Rolemodels, die vorangehen und unaufgeregt zeigen, wen sie lieben und wer sie sind.

Gleichberechtigung durch Sprache

In diesem Zusammenhang müssen aber auch bestehende Begrifflichkeiten progressiver werden. Das Gendern ist ein gutes Beispiel dafür, dem generischen Maskulinum den Kampf anzusagen und damit für mehr Gleichberechtigung zu sorgen. Und wollen wir nicht genau diese Gleichberechtigung als LGBTIQ+-Community? Konkret meine ich damit, dass wir uns von dem Begriff „Coming Out“ verabschieden sollten, um einen selbstverständlichen Umgang mit Diversität zu erlernen. Klar wäre es wünschenswert, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, wen wir lieben. Es wäre auch cool, nicht erklären zu müssen, warum man Brüste toller findet als Bärte. Aber die Erkenntnis, in einer noch immer heteronormativ geprägten Gesellschaft lesbisch, schwul, trans zu sein und der persönliche Prozess damit klarzukommen, bleibt.

Idee anyone?

Lasst uns doch zusammen nach einem Begriff suchen, der weniger hervorhebt, dass sich Menschen mit LGBTIQ-Hintergrund zu etwas „bekennen“ oder mit etwas „rauskommen“. Denn am Ende des Tages geht es um nichts weiter als zu zeigen, wen wir lieben. Und dazu sollte man sich nicht „bekennen“ müssen.

Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2021! Bleibt gesund, ihr Lieben!
Ricarda


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2 comments

  1. Super Artikel, sehe ich genauso. Nur würde ich keinen Begriff suchen, da ich es für unnötig halte, andere bewusst durch eine Art offizielles Statement über mein Liebesleben aufzuklären. Homosexualität war schon immer da und gehört ganz normal dazu. Genauso wie es unterschiedliche Haarfarben, Körpergrößen, Fähigkeiten und Talente gibt, gibt es auch unterschiedliche Sexualität. Heterosexuelle, die bestimmte Vorlieben haben, teilen das auch nicht offiziell mit oder werden dafür diskriminiert. Ich freue mich, wie positiv sich das Thema Homosexualität und Anerkennung dessen entwickelt hat (zumindest in Deutschland) und hoffe, dass es irgendwann egal ist und keinerlei Diskussion mehr in der Gesellschaft bedarf, weil es als normal und selbstverständlich angesehen wird.

    1. Super Einwand! Es ist nur so, dass man als Mensch oft Kategorien braucht, um etwas für sich einzuordnen. Aber Du hast recht – es bräuchte an sich keine gesonderte Begrifflichkeit.
      Hab ein gutes neues Jahr! Ganz liebe Grüße
      Ricarda

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